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OSHO Times Emotional Ecology Ideale fallen lassen

Ideale fallen lassen

Können auch Feigheit und Heuchelei schön sein?

Wenn du von dir das Bild hast, mutig zu sein, dann ist ein Feigling für dich hässlich. Aber Feigheit gibt es wirklich, und ein Ideal ist nur ein Ideal, eine Fantasie, die dem Kopf entspringt.

Opfere deine Fantasien zugunsten der Realität, lass alle Ideale fallen, dann wird dein Leben integriert. Alle zurückgewiesenen Fragmente können nach Hause kommen, das Unterdrückte darf an die Oberfläche kommen. Du fühlst dich zum ersten Mal ganz, du zerfällst nicht mehr in Einzelteile.

Wenn ich mich zum Beispiel für eine „freundliche“ Person halte, dann bin ich nicht in der Lage, meine Wut zu erkennen und sie anzunehmen, wenn sie im Bewusstsein auftaucht, denn freundliche Menschen werden nun einmal nicht wütend.

Um mir meines Einsseins bewusst zu werden, muss ich zunächst einen Standpunkt ohne Fixierungen und Festlegungen einnehmen, ich muss mich als ein Wesen begreifen, dessen Realität nur von Moment zu Moment aus Bewusstheit entsteht.

So bin ich einige Momente lang wütend, dann wieder einige Momente traurig, dann ein paar Momente eifersüchtig, dann ein paar Momente lang glücklich. Was auch immer vor sich geht, es wird von Moment zu Moment akzeptiert. So wirst du eins, und dieses Einssein zu verstehen, ist das Allerwichtigste.

Der Meister muss dem Schüler helfen, sich mit seinen abgewiesenen Anteilen zu konfrontieren und sie zu integrieren, denn die ist er ja in jedem Moment. Der Meister darf ihm nicht helfen, die abgewiesenen Anteile kompensatorisch in ihr Gegenteil zu verkehren, oder das zu leben, was er meint, sein zu müssen, er darf ihm nicht helfen, Anteile von sich zu beschützen, aufzuwerten oder abzusichern.

Meine Absicht, meine Funktion ist, dir alle Ideale zu nehmen. Du bist mit Idealen gekommen, und du möchtest, dass ich deine Ideale bestärke, du möchtest, dass ich dich unterstütze und dir helfe, der zu werden, der du sein willst. Es kann sein, dass das deine Motivation war, hierher zu kommen. Aber das ist nicht meine Arbeit.

Meine Arbeit ist genau das Gegenteil: dir zu helfen, das anzunehmen, was du bereits bist und deine Fantasien zu vergessen. Ich möchte, dass du realistischer und pragmatischer wirst. Ich möchte dir Wurzeln in der Erde verschaffen, aber du sehnst dich nach dem Himmel und hast die Erde völlig vergessen.

Ja, der Himmel ist auch erreichbar, aber nur für diejenigen, die ihre Wurzeln tief in der Erde haben. Wenn ein Baum sich hoch in den Himmel recken will, um mit den Wolken zu flüstern, mit dem Wind zu spielen und sich mit den Sternen zu unterhalten, dann muss der Baum seine Wurzeln tiefer und tiefer in die Erde schicken. Als erstes muss man Wurzeln tief in die Erde schicken, dann passiert der Rest von selbst. Je tiefer die Wurzeln reichen, desto höher wird der Baum, mehr braucht man nicht zu tun.

Mein Bemühen hier ist, deine Wurzeln tief in dem Boden der Wahrheit zu verankern, und die Wahrheit bist du selbst.

Und dann passieren die Dinge plötzlich, und du fängst an zu wachsen. Die Ideale, auf die du immer aus warst und die du nie verwirklichen konntest, werden auf einmal von selbst wahr.

Wenn ein Mensch sich so annehmen kann, wie er ist, dann fällt alle Spannung von ihm ab. Qual, Angst, Verzweiflung – sie lösen sich alle auf. Und wenn es keine Angst mehr gibt, kein Zerteilt-Sein, keine Spaltung, keine Schizophrenie, dann taucht plötzlich Freude auf, es taucht plötzlich Liebe auf und Mitgefühl. Das sind keine Ideale, das sind sehr natürliche Phänomene. Das einzige, was nötig ist, ist, Ideale abzubauen, denn diese Ideale funktionieren wie Blockaden. Je mehr Ideale ein Mensch hat, desto blockierter ist er.

So seltsam und widersprüchlich es sich anhört: Frieden findet man nur inmitten der Not, nicht aber, indem man gegen sie ankämpft oder vor dem wegläuft, was man als negativ oder schmerzhaft empfindet.

Ja, Feigheit ist schmerzhaft, Angst ist schmerzhaft, Wut ist schmerzhaft – das sind alles negative Gefühle. Aber Frieden kann man nur finden, wenn man das Schmerzhafte annimmt und in sich aufnimmt, nicht, indem man es zurückweist. Wenn du es zurückweist, wirst du kleiner und kleiner und kleiner, und du hast immer weniger Kraft, du bist in einem ständigen inneren Krieg, einem Bürgerkrieg, in dem eine Hand die andere bekämpft, in dem du deine eigene Energie zerstückelst.

Etwas Grundlegendes muss man sich merken: nur indem man sich auf psychische Schmerzen einlässt, öffnet man die Tür, die zu ihrer Auflösung und Überwindung führt –– nur indem man sich auf sie einlässt.

Du musst alles Schmerzhafte annehmen, du musst mit ihm in einen Dialog treten, denn das bist du selbst.

Es gibt keinen anderen Weg, es zu überwinden, der einzige Weg ist, es anzunehmen.

Und es hat ein ungeheures Potenzial. Wut ist Energie, Angst ist Energie, ebenso Feigheit. Alles, was in dir vorgeht, hat viel Dynamik, es ist eine Menge Energie darin gebunden. Wenn du es annimmst, wird diese Energie für dich frei, du wirst stärker, du wirst weiter, du hast mehr Raum. Du hast dann eine größere innere Welt.

Osho, Unio Mystica, Vol. I, Talk #8