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Der Orgasmus, Teil 3

Der Orgasmus, Teil 3

Ich glaube, ich strenge mich beim Sex zu sehr an. Es ist ein Problem, aber ich kann nicht aufhören, es immer wieder zu versuchen. Das Gefühl bleibt, daß es im Sex etwas gibt, was ich noch nicht gefunden habe. Ich habe Angst, keinen Orgasmus – oder das, was ich dafür halte – zu bekommen. Ich fühle mich minderwertig und zu kurz gekommen.
Du hast eine westliche Einstellung zum Sex; daraus entstehen all die Schwierigkeiten. Die westliche Einstellung geht immer in Richtung Tun – etwas tun zu müssen. Es gibt aber ein paar Dinge, die man nicht tun kann. An diesem Punkt spinnt der Westen total!

Zum Beispiel Schlaf und Sex. Das sind Dinge, die man nicht tun kann. Darum leidet der Westen auch so sehr an Schlaflosigkeit, und er leidet am Sex. Jeder fürchtet, daß er nicht erlebt, was er erleben sollte. Der Orgasmus kommt nicht, oder nur begrenzt, oder er kommt nur ein bißchen, oder nicht total genug. Und der Schlaf ist auch nicht gut – man hat zu viele Träume, oder man wacht zu oft auf, oder er kommt erst nach stundenlangem Warten. Die Leute probieren alles mögliche, nur um einschlafen zu können: Schlaftabletten, die verschiedensten Tricks, Mantras, TM.

Und auch über Sex machen sie sich große Gedanken. All diese Gedanken und Sorgen und der Versuch, etwas zu ändern, sind das Problem. Sex ist etwas, das geschieht. Man kann es nicht tun. Darum müßt ihr die östliche Einstellung zum Sex lernen, die tantrische Einstellung.

Tantra hat die Einstellung, daß man einfach liebevoll miteinander sein soll. Es gibt nichts zu planen, nichts in Gedanken im voraus zu proben. Es gibt überhaupt nichts Bestimmtes zu tun. Seid einfach liebevoll und offen und spielt mit euren Energien. Und wenn ihr anfangt, Liebe zu machen, braucht es gar nichts Großartiges zu werden, sonst verstellt ihr euch nur, und der andere auch. Dann wird der Mann so tun, als wäre er ein großartiger Liebhaber, und du wirst so tun, als wärest du eine großartige Geliebte ... und ihr werdet beide unbefriedigt bleiben! Es ist unnötig, irgend etwas vorzutäuschen.

Sex ist wie ein stilles Gebet. Sich zu lieben ist eine Meditation. Es ist etwas Heiliges – das Heiligste vom Heiligen.

Während du also mit einem Mann Liebe machst, laß dir sehr viel Zeit ... koste es aus, nimm jede Nuance in dich auf. Und mache es ganz langsam. Es hat keine Eile; ihr braucht euch nicht zu beeilen – es ist genug Zeit da.

Und vergiß den Orgasmus, während du Liebe machst. Sei ganz entspannt mit dem Mann; entspannt euch in den anderen hinein. Der westliche Verstand denkt ständig daran, wann es kommt und wie du es möglichst schnell und toll machen kannst und all sowas. Diese Gedanken erlauben euch nicht, die Energien des Körpers einfach machen zu lassen. Sie erlauben euch nicht, euch dem Körper zu überlassen. Der Verstand funkt ständig dazwischen.

Entspanne dich mit dem Mann. Wenn nichts passiert, ist es nicht nötig, daß etwas passiert. Wenn nichts passiert, dann passiert eben das ... und auch das ist schön! Orgasmus ist nicht etwas, das jeden Tag passieren muß. Sex sollte bedeuten, daß ihr einfach zusammen seid und miteinander verschmelzt. Dann könnt ihr euch eine halbe Stunde, eine Stunde lang lieben und euch einfach in den anderen hinein entspannen. Auf diese Weise werdet ihr erleben, wie eure Liebe eine neue Qualität hinzugewinnt – eine Qualität von Entspanntheit, völliger Unschuld, völliger Stille, völliger Gedankenfreiheit, denn das Denken wird nicht gebraucht.

Liebe ist die einzige Sache, bei der man das Denken nicht braucht – und hier begeht der Westen einen großen Irrtum: Er bringt selbst hier den Verstand ins Spiel!

Entspannt euch also einfach in den anderen hinein und vergeßt den Verstand. Genießt die bloße Gegenwart des anderen, das Verschmelzen, und verliert euch darin. Versucht nichts daraus zu machen – es gibt nichts zu machen. Dann werdet ihr eines Tages einen Tal-Orgasmus erleben. Es wird kein Höhepunkt sein, kein Gipfel; es wird nur eine tiefe Entspannung sein, doch sie wird ihren eigenen Höhepunkt haben, weil sie Tiefe hat. Und dann, eines Tages, wird der Körper von selbst einen Gipfel-Orgasmus auslösen, aber auch das wird von allein kommen, und ihr laßt es bloß geschehen.

Manchmal wird es ein Tal sein, manchmal wird es ein Gipfel sein ... es hat seinen eigenen Rhythmus. Man kann nicht jeden Tag einen Gipfel haben. Wenn ihr nur Gipfel habt, werden diese Gipfel nie sehr groß sein. Ihr müßt euch den Gipfel verdienen, indem ihr im Tal verweilt. Es ist also halbe-halbe. Manchmal wird ein Tal-Orgasmus kommen. Dann verliert euch in der Dunkelheit des Tales, in seiner Kühle, in seinem Frieden. So verdient ihr euch den Gipfel. Eines Tages wird die Energie bereit sein, und sie wird ganz von allein den Gipfel ansteuern. Aber du machst es nicht. Wie könntest du es machen? Wer bist du denn, daß du meinst, du könntest es in die Hand nehmen? Wenn ihr einfach im Tal bleibt, sammelt sich die Energie an. Der Gipfel entsteht aus dem Tal heraus. Dann kommt es zu einem großen Orgasmus, und euer ganzes Sein wird in Freude gebadet.

Der Gipfel bringt Freude, und das Tal bringt Frieden. Und beides ist wunderbar. Letzten Endes ist der Frieden mehr wert als die Freude, weil die Freude nur zeitweilig ist. Auf dem Gipfel könnt ihr nur einen kurzen Augenblick verweilen. Ein Gipfel ist sehr schmal, er ist wie eine Pyramide. Man kann sich dort nicht lange aufhalten, man kann nur kurze Zeit dort verweilen. Aber in einem Tal könnt ihr lange verweilen. Wenn ein Gipfel kommt – gut; wenn ein Tal kommt – gut. Beides sollte man genießen; beides hat seinen Wert. Beides hat seine Bedeutung, und beides hilft euch zu wachsen.

Letztlich, so sagt Tantra, ist der Tal-Orgasmus dem Gipfel weit überlegen. Der Gipfel-Orgasmus ist etwas Unreifes; der Tal-Orgasmus hat eine große Reife. Der Gipfel-Orgasmus bringt Aufregung; er ist fiebrig, leidenschaftlich. Er bringt einen Kitzel, doch dieser Kitzel ist ermüdend. Der Tal-Orgasmus hat keinen Kitzel, aber er hat eine Stille – und diese Stille ist viel wertvoller, diese Stille wird euch transformieren. Sie wird euch vierundzwanzig Stunden lang begleiten. Sobald ihr einmal in diesem Tal wart, wird das Tal euch begleiten. Der Gipfel geht wieder verloren, und danach seid ihr erschöpft und fallt in den Schlaf. Das Tal wird bestehen bleiben; es wird noch tagelang in euch nachwirken. Ihr werdet euch entspannt fühlen, sehr zentriert.

Beides ist gut, aber man kann nichts dafür tun. Man muß es einfach geschehen lassen.

Liebe ist eine Form der Entspannung, in der man die Dinge geschehen lassen muß. Drum laß deinen westlichen Verstand los...

Bleibt beim Anfang, strebt nicht dem Ende zu. Faßt den Liebesakt nicht als ein Mittel auf, um irgendwohin zu gelangen. Benutzt ihn nicht als Mittel zum Zweck. Er ist in sich selbst schon das Ziel – er hat kein Ziel. Er ist kein Weg, der irgendwo hinführt.

Zum zweiten: Denkt nicht an die Zukunft, bleibt in der Gegenwart ... und wenn ihr während des Vorspiels nicht in der Gegenwart bleiben könnt, dann könnt ihr es nie – denn es liegt in der Natur des Aktes, euch in die Gegenwart zu bringen.

Bleibt in der Gegenwart, genießt diese Begegnung zweier Körper, zweier Seelen, und verschmelzt miteinander. Löst euch ineinander auf! Vergeßt, daß es irgend etwas zu erreichen gibt! Bleibt im Moment, ohne irgendwohin zu wollen, und schmelzt! Durch Herzenswärme, durch Liebe soll eine Situation geschaffen werden, in der ihr beide miteinander verschmelzen könnt.

Aus diesem Grunde habt ihr es immer eilig, wenn ihr mit jemandem schlaft, den ihr nicht liebt. Der andere wird einfach nur benutzt; der andere ist bloß ein Mittel zum Zweck. Und der Partner benutzt euch genauso. Ihr nutzt euch einfach gegenseitig aus, ohne miteinander zu verschmelzen. Wenn ihr liebt, könnt ihr verschmelzen, und diese Verschmelzung am Anfang führt zu allen möglichen tieferen Erkenntnissen.

Sobald ihr es nicht mehr eilig habt, den Geschlechtsverkehr zu beenden, wird das Ganze immer weniger sexuell. Es wird immer spiritueller. Auch die Geschlechtsorgane verschmelzen ineinander, die beiden Körperenergien treten in einen Zustand tiefer, stiller Einswerdung, und wenn das geschieht, könnt ihr stundenlang zusammenbleiben. Die Ebene dieses Zusammenseins wird nach und nach immer tiefer. Aber denkt nicht daran, bleibt im Moment, bleibt tief miteinander verschmolzen. Dann wird es irgendwann zur Ekstase, zum Samadhi, zum kosmischen Bewußtsein. Wenn ihr das erfahren habt, wenn ihr das fühlen und erkennen könnt, verliert ihr jeden Wunsch nach Sex.

 

 

Auszug aus Osho, The Open Secret, Kapitel 4; Vigyan Bhairav Tantra, 1. Band, Kapitel 33