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Ist Gott ein Mann?

Du hast schon oft die christliche Dreifaltigkeit erwähnt: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Könntest du uns bitte sagen, was aus der Mutter wurde?

Alle Religionen der Welt wurden von Männern begründet. Nicht eine einzige Religion wurde je von einer Frau begründet. Und natürlich ist das männliche Ego, der männliche Chauvinismus, die Wurzel aller Lehren gewesen, die je zur Erklärung der Welt geschaffen wurden.

Dem männlichen Ego fällt es sehr schwer, sich eine Frau als Schöpfer vorzustellen. Auch nur einen kleinen Teil der Dreifaltigkeit an die Frau abzugeben, scheint problematisch. Alles hat der Mann geregelt. Der Mann ist in dieser Welt stets der Manager gewesen, und natürlich hat er auch die Vorstellung vom Jenseits geschaffen. Selbst das hat er noch im Griff.

Gott ist ein Mann, der Heilige Geist ist ein Mann, der Sohn ist ein Mann ... Nicht etwa, weil es so wäre! Wenn es einen Gott gibt, dann muß er sowohl Mann als auch Frau sein. Er kann nicht nur männlich sein – unmöglich! Dann wäre er unvollständig. Er muß ein vollständiger Kreis sein – männlich-weiblich, yin-yang.

Der Osten ist sich dessen mehr bewußt gewesen. Im Sanskrit ist Brahma der höchste Gott, weder männlich noch weiblich. Das ist zutreffender – weil er beides ist. Er gehört zu keinem Geschlecht, er ist jenseits der Geschlechter. Das scheint mehr der Wahrheit zu entsprechen, scheint ein besseres Konzept, denn das Leben existiert in Polaritäten. Das Leben kann nicht nur aus einem Pol bestehen. Elektrizität kann nicht nur als positiver oder nur als negativer Pol existieren; sowohl der negative als auch der positive Pol ist notwendig. Zwischen diesen beiden Polen spielt sich das Phänomen der Elektrizität ab.

Die Menschheit kann nicht nur aus Männern oder nur aus Frauen bestehen. Beide sind notwendig, um ein einheitliches Ganzes zu bilden ... ein anmutiges, wohlgefälliges Ganzes. Der Mann allein ist unvollständig. Die Frau allein ist ebenfalls unvollständig.

Schaut euch das Leben an. Alle Polaritäten sind darin miteinander verbunden – Leben und Tod, Liebe und Haß, Tag und Nacht, Sommer und Winter. Alle Polaritäten sind miteinander verbunden ... die Erde und der Himmel. Gott ist die Gesamtheit, das Ganze. Das Ganze kann nicht ausschließlich männlich sein. Es ist eine männliche Haltung, zu sagen, daß das Ganze nur männlich sei. Das ist eine männlich-chauvinistische Haltung.

Heute verwahren sich die Frauen dagegen. Die Frauen in der Frauenbewegung haben angefangen, Gott eine »Sie« zu nennen. Sie nennen Gott nicht mehr »Er«. Das ist eine Gegenreaktion. Als Reaktion ist es verständlich, aber diese Reaktion macht wieder das gleiche – wieder wird der gleiche Fehler begangen. Gott ist sowohl Er als auch Sie. Im Sanskrit verwenden wir für Gott weder Er noch Sie. Wir verwenden »tat« – tat bedeutet »das«. Ein Hinweis, ein einfacher Hinweis, ohne etwas darüber auszusagen, was Gott ist – ob er oder sie. Tat – »das«; ein einfacher Hinweis, ohne damit etwas über das Geschlecht Gottes auszusagen.

Früher oder später wird die Menschheit es begreifen – daß Mann und Frau Ergänzungen sind. Gegensätze und doch Ergänzungen, die zusammen ein Ganzes ergeben.

Wegen dieser Idee, daß Gott ein Mann ist, hat der Mensch derartig absurde Theorien geschaffen, daß man es sich kaum vorstellen kann. Die Leute kommen zu mir und sagen: »Was geht in diesem Ashram vor? So viele Frauen, so viele Männer!« Denn in der Vergangenheit hat es nur Ashrams für Männer gegeben. Und wenn es Ashrams für Frauen gab, dann waren sie ausschließlich für Frauen da.

Die Religionen haben Männer und Frauen voneinander getrennt. Im Westen gibt es christliche Klöster, die nie eine Frau betreten hat, die nie eine Frau betreten darf. Es gibt Trappistenklöster, aus denen ein Mann, wenn er einmal eingetreten ist, nie wieder hinausdarf – aus Angst, er könnte in der Stadt einer Frau begegnen.

Sex ist etwas Verbotenes gewesen. Liebe ist etwas Verdammtes gewesen. Und der Mann hat versucht, sich davon völlig unabhängig zu machen – als ob das möglich wäre. Das ist nicht möglich. Die Energie braucht den Gegensatz. Die Hindus zeigen sich in dieser Hinsicht wissenschaftlicher. Wenn man einen Hindutempel betritt, findet man dort Krishna mit Radha, Shiva mit Parvati, Ram mit Sita. Die weibliche Energie ist präsent. Sie muß da sein, um den Gott vollständig zu machen.

In einem Dschaina-Tempel steht Mahavira alleine da. Er sieht ein wenig verloren aus, ein wenig unvollständig. In einem buddhistischen Tempel sitzt Buddha allein. In einer christlichen Kirche sieht man Jesus gekreuzigt, am Kreuz, aber allein. Kein Wunder, daß eine Kirche so traurig aussieht – das ist nur natürlich, denn die andere Energie, die ein Fest daraus machen könnte, fehlt darin.

Wenn Frauen und Männer zusammen sind, dann feiert das Leben; es herrscht Freude. Habt ihr schon einmal beobachtet, was passiert, wenn zwanzig Männer in einem Raum zusammensitzen? Man kann fühlen, wie sich eine gewisse Traurigkeit breitmacht. Aber sobald eine Frau hereinkommt, flammt plötzlich die Energie auf ... aufsteigende Kundalini. Alle wachen auf; es passiert etwas. Es hat nichts mit den Körpern zu tun; es hat etwas mit der Energie zu tun. Die entgegengesetzte Polarität ist ins Spiel gekommen – Funken springen über. Die entgegengesetzte Energie ist da – der Magnetismus wird wirksam.

Eine Welt, die ausschließlich aus Männern bestünde, wäre eine sehr dumpfe und öde Welt. Die Dreifaltigkeit muß sich ja mittlerweile zu Tode langweilen. Der Vater, der Heilige Geist und der Sohn – was machen sie nur die ganze Zeit? Es muß eine sehr langweilige Gesellschaft sein. Stellt euch das nur einmal vor – zum Fürchten!

Nein, so kann das Leben nicht vollständig werden. Die Energien müssen sich mischen; nur dann wird das Leben höhere Stufen erreichen. Es ist dialektisch: These, Antithese, und zwischen beiden dann der Gipfel der Synthese. Dann wird die Synthese zur These, wieder eine Antithese ... und schließlich eine höhere Synthese. Eine Symphonie der Energien wird so ständig neu geschaffen.

Darum ist mein Ashram so ungewöhnlich, und deshalb trifft man nicht viele Inder hier. Sie können nicht glauben, daß das hier ein Ashram ist. Sie kennen nur Ashrams, in denen traurige Leute sitzen, Halbtote. Sie können nicht glauben, daß es hier so viel Freude gibt, so viel Spaß.

Erst gestern schrieb mir ein Inder einen Brief, und er sagt darin: »Ich finde das alles soweit in Ordnung, aber nach den Meditationen, und sogar nach deinem Vortrag, gibt es immer einige Paare, die anfangen, sich zu umarmen und zu küssen. Das erscheint mir unreligiös.« – Was könnte religiöser sein als das?

Liebe ist eine Religion, aber jahrhundertelang ist Liebe verdammt worden. Jahrhundertelang war Liebe eine Sünde. Jahrhundertelang haben Männer und Frauen getrennt gelebt und sich nur im Dunkel der Nacht getroffen, wenn niemand es merkte, und sich danach wieder getrennt. Und sie haben sich schuldig gefühlt, weil sie sich getroffen haben. Und sie waren zutiefst beunruhigt, weil sie das Verlangen nach einer Frau hatten oder das Verlangen nach einem Mann. Es ist einfach natürlich. Es liegt nicht an euch, es liegt an den Energien – positive und negative Energien begegnen sich. Wenn sie sich begegnen, entsteht neues Leben.

Die christliche Lehre ist mit Sicherheit falsch. Man muß Gott mehr Freiheit lassen, damit er sich frei zwischen den beiden Polen bewegen kann. In Indien gibt es die Vorstellung von Shiva als Ardhanarishwar – wahrscheinlich eine der tiefsten Einsichten überhaupt. Ardhanarishwar bedeutet, daß Gott halb Mann und halb Frau ist. Vielleicht habt ihr schon einmal eine solche Statue oder ein Foto der Statue von Ardhanarishwar gesehen, die Shiva als halb Mann und halb Frau zeigt. Dies ist höchst symbolisch; es zeugt von tiefer Weisheit. Genau so sollte es sein.

 

Auszug aus Osho, Nirvana, the Last Nightmare, Kapitel 6