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Featured Books The Book of Women Die Unterdrückung des Weiblichen

Die Unterdrückung des Weiblichen

Warum ist das Weibliche auf der ganzen Welt so sehr unterdrückt worden?
Der Mann leidet an einem tiefen Minderwertigkeitskomplex, weil er keine Kinder zur Welt bringen kann. Es ist eines der tiefsten unbewußten Gefühle von Unterlegenheit beim Mann. Er weiß, daß die Frau ihm überlegen ist, weil es im Leben nichts Höheres geben kann, als neues Leben hervorzubringen.

Die Aufgabe des Mannes, seine Beteiligung an der Entstehung des Lebens, ist verschwindend gering – nicht mehr als eine Injektionsspritze. Man kann es mit der Injektionsnadel machen. Man könnte ihn aus der Fortpflanzung ganz heraushalten.

Er muß das von Anfang an gespürt haben. Und die einzige Methode, diesen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, bestand darin, die Frau in jeder möglichen Hinsicht auf eine so unterlegene Stellung herabzusetzen, daß der Mann seine Minderwertigkeitsgefühle vergessen und glauben konnte, er sei der Überlegene.

Sämtliche Gesellschaften dieser Welt, sämtliche Kulturen, sämtliche Religionen haben mit verschiedenen Methoden alle das gleiche getan: Sie haben die Frau zu einer zweiten Kategorie Mensch gemacht, die dem Mann nicht gleichgestellt war. So zweitklassig, daß es in China jahrtausendelang nicht einmal ein Verbrechen war, seine Frau zu töten. In Indien wurde der Frau jahrhundertelang beigebracht, daß sie eine Dasi sei, eine Sklavin, und der Mann, ihr Ehemann, ein Swami – ihr Herr und Meister.

In keiner Kultur durfte sie gebildet sein, finanziell unabhängig sein oder sich in der Gesellschaft so frei bewegen wie der Mann. Ihr Haus war ihr Umkreis, aus dem sie sich nicht herausbegeben durfte. Das Haus war nahezu ein Gefängnis. Seit Jahrhunderten darf sie in der halben Welt noch nicht einmal ihr Gesicht herzeigen.

In Indien dürfen Mann und Frau während des Tages in Gegenwart der älteren Familienmitglieder nicht einmal miteinander reden. Nur in der dunklen Nacht können sie miteinander flüstern. Seit Jahrhunderten haben viele Ehemänner das Antlitz ihrer Frau nicht zu Gesicht bekommen, weil sie sich bei Tage nicht begegnen können. In einer Großfamilie ist immer einer der Älteren anwesend. Nur im Dunkel der Nacht... und selbst dann gibt es in einer Großfamilie, wo fünfzig bis sechzig Leute in einem Haus wie Vieh zusammengepfercht sind, keine Möglichkeit der Kommunikation, geschweige denn einer Unterhaltung über philosophische oder religiöse Dinge.

Fast alle Religionen haben den Frauen die Möglichkeit abgesprochen, aus dem weiblichen Körper ins Paradies zu gelangen. Aber tugendhaft, das darf sie sein. Ihr Ehemann ist ihr Gott; ihm sollte sie mit vollkommener Aufopferung und Hingabe dienen. Das ist die einzige Religion, die der Frau zugestanden wird. Es wird ihr im nächsten Leben einen männlichen Körper einbringen, und dann öffnen sich die Türen. Dann kann sie nach spirituellen Gipfeln streben. Dann kann sie ein erleuchteter Meister werden.

Es gibt Religionen, die den Frauen nicht gestatten, die religiösen Schriften zu lesen. Es gibt Religionen, die den Frauen nicht gestatten, ihre Tempel zu betreten.

Die Frau ist versklavt worden. Man hat sie darauf eingeschränkt, Kinder zu produzieren und sich ihr ganzes Leben lang um sie zu kümmern. Sie verdient keine Achtung als menschliches Wesen. Sie ist nur eine Gebärmaschine.

Der Mann hat ihr alles Unrecht angetan, das man nur tun kann, alles Unmenschliche, das man nur tun kann.

Im Hinduismus mußte eine Frau beim Tode ihres Mannes lebendig auf seinen Scheiterhaufen springen. Das wurde für spirituell gehalten. Es ist reiner Mord – ein sehr grausamer und primitiver Mord. Über Tausende von Jahren galt es als großartige spirituelle Handlung, doch seltsamerweise hat der Mann eine solche großartige spirituelle Handlung nie vollzogen. Kein Mann in der ganzen Geschichte ist je für seine tote Frau ins Feuer gesprungen. Kein einziger Brahmane befolgte die Regel, die er für Frauen aufgestellt hatte. Wenn sie Gültigkeit besaß, war es dann nicht seltsam, daß der Mann sie nicht ebenfalls befolgte? Nein, für den Mann galten völlig andere Regeln – eine Doppelmoral! Wenn eine Frau stirbt, denken die Leute bei ihrer Verbrennung an den Mann – wann er wieder heiraten sollte und wen. Nur mit Schwierigkeiten konnte dieses häßliche Mordritual abgeschafft werden – und es kommt gelegentlich immer noch vor.

Man muß sehen, daß der Mann in der Vergangenheit alles andere als mitfühlend, liebevoll oder respektvoll mit den Frauen umgegangen ist. Sein Verhalten war absolut kriminell.

Wie denkst du über die Einstellung der Propheten und Heilande zu Frauen?
Diese Leute, die man immer für Abgesandte Gottes gehalten hat, die stets Barmherzigkeit und Liebe gepredigt haben, haben überhaupt kein Verständnis dafür gezeigt, daß Frauen auch Menschen sind.

Auch sie wurden von einer Frau geboren. Trotzdem haben sie alle den Frauen gegenüber eine derartige Respektlosigkeit an den Tag gelegt, daß einem davon übel werden kann. Der Grund liegt klar auf der Hand. Der Grund ist: Sie haben Angst vor Frauen. Und es ist eine psychologische Wahrheit, daß das, wovor man Angst hat, einen gleichzeitig fasziniert. Angst und Faszination gehören zusammen, ja, Angst ist eine Begleiterscheinung von Faszination.

Sie sind fasziniert – was ja natürlich ist. Daran ist nichts falsch; es ist absolut menschlich. Aber wenn jemand ein Heiland sein will, dann muß er die Bedingungen erfüllen, die ihm die Tradition vorschreibt – und alle diese Traditionen sind von Männern fabriziert worden. Bis heute haben wir in einer von Männern bestimmten Gesellschaft gelebt, in der die Frau überhaupt nicht berücksichtigt worden ist.

Konfuzius – und ganz China ist beeinflußt vom Denken des Konfuzius – glaubte, daß die Frau keine Seele hat, daß sie nur aus Körper besteht. Eine Frau umzubringen ist kein Mord. Deshalb war es jahrtausendelang in China kein Verbrechen, die eigene Frau zu töten. Es war nicht schlimmer, als wenn du deinen Stuhl kaputt machst, irgendein Möbelstück oder etwas anderes, das dir gehört. Es gehört ja dir, es ist dein Eigentum – genauso wie es deine Frau ist. Du bist der Besitzer, also kannst du sie auch töten. Es gab kein Gesetz in China, das den Ehemann daran hindern konnte, seine Frau umzubringen. Und es gab auch keine Bestrafung, denn die Frau war eine Sache, kein Lebewesen.

Aber Konfuzius gilt als einer der weisesten Männer der Welt! Was ist denn das für eine Weisheit? Er ist der Begründer des Konfuzianismus, aber Konfuzius hat nur eines zuwege gebracht: Er hat die Menschen konfus gemacht, sonst gar nichts. Alle Religionen haben Angst vor Frauen, denn alle Religionen haben Angst vor Sex.

Alle Religionen unterdrücken Sex, sind gegen Sex. Die natürliche Folge davon ist, daß alle Religionen gegen die Frau sein müssen. Die Frau muß verdammt werden. Wenn man Sex verdammt, muß man notgedrungen auch die Frau verdammen. Wenn man die Frau achtet – und das ist eine logische Konsequenz –, dann wird man auch Sex achten, als etwas ganz Natürliches.

Und warum waren diese Leute gegen Sex? Ihre Meinungen über alle anderen Dinge gehen völlig auseinander, nur in bezug auf die Sexualität sind sich alle Religionen einig. Das scheint das einzige zu sein, worin die Religionen übereinstimmen. Es scheint also ungeheuer wichtig zu sein, daß wir tief in das ganze Phänomen eindringen: Warum haben sie Angst davor?

Sie haben Angst vor Sex, weil er die stärkste Energie im Menschen ist, der allerstärkste Trieb der Natur und der Biologie. Er ist absolut unzerstörbar.

Man kann Sex entweder verdammen und unterdrücken – oder man kann ihn verstehen und transformieren. Das letztere aber ist ein langer und schwieriger Weg, und es gehört große Intelligenz und Bewußtheit dazu – denn Sexualität ist eine unbewußte Kraft in euch. Jede Zelle eures Körpers besteht aus ihr, pulsiert mit ihr. Euer bewußter Verstand ist nichts im Vergleich zu eurer unbewußten sexuellen Energie. Daher die Angst, daß das Unbewußte jeden Augenblick von euch Besitz ergreifen könnte. Es zu unterdrücken scheint die leichtere Lösung zu sein. Zur Unterdrückung braucht man grundsätzlich keine Intelligenz; jeder Schwachkopf kann das. Im Gegenteil, nur Schwachköpfe können das.

Ich war erstaunt, nachdem ich in Indien Hunderte von Mönchen aus den verschiedensten Religionen gesehen hatte: Sie unterdrücken alle ihre Sexualität. Mein Erstaunen ging dahin, daß sie um so dümmer werden, je mehr sie ihre Sexualität unterdrücken – genau im gleichen Verhältnis. Die eigene Natur zu unterdrücken ist ein so schwachsinniges Unterfangen, daß es zwangsläufig die Intelligenz zerstören muß. Ich fand diese Leute sehr stumpf. Wenn ich mit ihnen redete, konnte ich sehen, daß sie überhaupt nichts hörten. Ihre Augen wirken wie tot, ihr Körper ist verkümmert. Sie sehen häßlich aus. Sie haben den Sex verurteilt, und deswegen müssen sie auch die Frau verurteilen.

Auszug aus Osho, The Sword and the Lotus, Kapitel 17