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Featured Books The Book of Women Die Befreiung der Frau

Die Befreiung der Frau

Männlich oder weiblich zu sein ist mehr eine Frage der Psychologie als der Physiologie. Man kann physiologisch ein Mann, psychologisch jedoch überhaupt nicht männlich sein, und umgekehrt. Es gibt aggressive Frauen, sehr aggressive Frauen – und unglücklicherweise nimmt ihre Zahl auf der Welt zu. Die ganze Frauenemanzipationsbewegung hat ihre Wurzeln in der Psyche dieser aggressiven Frauen. Eine Frau, die aggressiv ist, ist nicht weiblich.

Die heilige Johanna von Orleans ist keine Frau, doch Jesus Christus ist eine Frau. Die heilige Johanna ist psychologisch ein Mann; ihr Vorgehen ist grundsätzlich aggressiv. Jesus Christus ist überhaupt nicht aggressiv. Er sagt: »Wenn jemand dich auf die eine Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin, gib ihm auch die andere Wange.« Das ist die Psychologie der Aggressionslosigkeit. Jesus sagt: »Widerstrebe nicht dem Bösen.« Nicht einmal dem Bösen soll man Widerstand leisten! Widerstandslosigkeit ist die Essenz des weiblichen Sanftmuts.

Wissenschaft ist männlich; Religion ist weiblich. Wissenschaft ist das Bestreben, die Natur zu erobern; Religion ist ein Loslassen, ein Verschmelzen mit der Natur. Die Frau weiß, wie man verschmilzt, wie man eins wird. Und jeder Wahrheitssuchende muß lernen, mit der Natur zu verschmelzen, mit der Natur eins zu werden, sich mit dem Strom treiben zu lassen, ohne Widerstand zu leisten, ohne zu kämpfen. In dem Maße, in dem ihr meditativer werdet, wird eure Energie immer weniger aggressiv werden. Eure Gewalttätigkeit löst sich auf; Liebe erwacht. Dann habt ihr kein Interesse mehr daran, zu herrschen; statt dessen zieht euch die Kunst der Hingabe stärker und stärker in ihren Bann. Und das macht die weibliche Psychologie aus.

Die weibliche Psychologie zu verstehen bedeutet, die Psychologie der Religiosität zu verstehen. Aber dieser Versuch ist noch nicht unternommen worden, und alles, was heute im Namen von Psychologie existiert, ist männliche Psychologie. Deshalb studiert man weiterhin Ratten und schließt von Ratten auf den Menschen.

Die besten Beispiele, um die weibliche Psychologie zu studieren, sind die Mystiker – die unverfälschtesten Beispiele sind die Mystiker. Das heißt, man muß von Basho, Rinzai, Buddha, von Jesus und Laotse lernen. Von ihnen müßt ihr lernen, denn nur wenn ihr diese Menschen versteht, könnt ihr die höchste Ausdrucksform, den Gipfel des Weiblichen verstehen.

Weil die Frau seit Jahrhunderten unterdrückt wird, ist Religion von der Erde verschwunden. Wenn die Religion wiederkehrt, wird die Frau ihre Würde zurückgewinnen. Und weil die Frau unterdrückt, gequält und zu einem Nichts reduziert wurde, ist sie häßlich geworden. Immer wenn euer natürliches Wesen sich nicht nach seinen inneren Bedürfnissen verhalten darf, wird es bitter, wird es vergiftet. Es wird verkrüppelt, gelähmt – es wird pervertiert. Die Frau, die man heute auf der Welt findet, ist keine richtige Frau mehr, denn sie wurde jahrhundertelang sich selbst entfremdet.

Und wenn die Frau sich selbst entfremdet ist, kann auch der Mann nicht natürlich sein, denn schließlich ist es die Frau, die den Mann gebiert. Wenn sie nicht natürlich ist, werden auch ihre Kinder nicht natürlich sein. Wenn sie nicht natürlich ist – und als Mutter ist sie es ja, die die männlichen und weiblichen Nachkommen großzieht –, dann werden die Kinder von ihr beeinflußt.

Die Frau braucht zweifellos eine große Befreiung, doch was heute im Namen der Befreiung abläuft, ist idiotisch. Es ist nur Nachahmung, keine Befreiung.

Hier bei mir sind viele ehemalige Feministinnen, und wenn sie zum erstenmal hierherkommen, sind sie sehr aggressiv. Ich kann ihre Aggression verstehen: Die jahrhundertelange Unterdrückung hat sie in die Offensive getrieben. Sie sind rachsüchtig, wie besessen, und dafür ist nur der Mann verantwortlich. Doch allmählich werden sie dann weicher, anmutiger, und ihre Aggressivität verschwindet. Zum erstenmal werden sie richtig feminin.

Wahre Befreiung wird aus der Frau eine echte Frau machen und keine Imitation des Mannes. Aber im Moment ist es noch so: Die Frauen versuchen, genau wie die Männer zu werden. Wenn die Männer Zigaretten rauchen, müssen die Frauen auch Zigaretten rauchen. Wenn die Männer Hosen tragen, müssen die Frauen auch Hosen tragen. Wenn sie etwas Bestimmtes machen, müssen die Frauen es auch tun. Sie kopieren nur den Mann.

Das hat nichts mit Befreiung zu tun. Das ist eine viel tiefere Sklaverei – viel tiefer deshalb, weil die ursprüngliche Sklaverei von den Männern ausging. Diese zweite Sklaverei ist tiefer, weil sie von den Frauen selbst kreiert wird. Wenn jemand anderer dich zum Sklaven macht, kannst du rebellieren, doch wenn du dich selbst – im Namen der Befreiung – zum Sklaven machst, gibt es nicht die geringste Chance für Rebellion.

Ich möchte, daß die Frau zu einer richtigen Frau wird, denn viel hängt von ihr ab. Sie ist viel wichtiger als der Mann, denn in ihrem Schoß trägt sie beide aus – die Frau und den Mann. Sie ist die Mutter für den Jungen ebenso wie für das Mädchen, sie ernährt beide. Wenn sie vergiftet ist, dann ist auch ihre Milch vergiftet; dann ist die ganze Art, wie sie die Kinder aufzieht, vergiftet.

Solange die Frau nicht frei ist, eine richtige Frau zu sein, wird auch der Mann niemals frei sein, ein richtiger Mann zu sein. Die Freiheit der Frau ist die Voraussetzung für die Freiheit des Mannes; sie ist viel grundlegender als die Freiheit des Mannes.

Und wenn die Frau eine Sklavin ist, wie das seit Jahrhunderten der Fall ist, wird sie auch den Mann versklaven – auf sehr subtile Weise, denn ihre Art ist subtil. Sie wird ihn nicht direkt bekämpfen. Ihre Art zu kämpfen ist indirekt, weiblich: Sie wird weinen und schreien; sie wird nicht ihn schlagen, sondern sich selbst. Dadurch und durch ihr Schreien und Weinen wird sogar der stärkste Mann zum Pantoffelhelden. Eine ganz zarte, schwache Frau vermag einen bärenstarken Mann zu beherrschen.

Die Frau braucht totale Freiheit, damit sie auch dem Mann Freiheit geben kann. Etwas Grundlegendes, das man sich merken muß, ist: Wenn man jemanden zum Sklaven macht, gerät man letztlich selbst in Sklaverei; man kann nicht frei bleiben. Wenn ihr frei bleiben wollt, gebt auch dem anderen Freiheit. Nur so kann man frei sein.
 

Auszug aus Osho, The Dhammapada, Band7,, Kapitel 10