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Osho Eine neue Erziehung für den neuen Menschen

Eine neue Erziehung für den neuen Menschen

 
Die Erziehung, wie sie früher geherrscht hat, ist sehr ungenügend, unvollständig und oberflächlich. Sie produziert lediglich Menschen, die ihren Lebensunterhalt verdienen können, aber sie vermittelt keinerlei Einsichten ins Leben selbst. Sie ist nicht nur unvollständig, sie ist auch schädlich - denn sie baut auf Konkurrenz. 
 
Jede Art von Konkurrenz ist im tiefsten Kern gewalttätig, und bringt Menschen hervor, die lieblos sind, deren ganzes Streben darauf abzielt, etwas zu erreichen: Rang und Namen, Ruhm, lauter hohe Ziele. Da müssen sie freilich kämpfen und sich dafür in Konflikte stürzen. Das zerstört ihre Freude und das zerstört ihre Freundlichkeit. Wie es scheint, kämpft jeder gegen die ganze Welt. 
 
Erziehung war bis heute zielorientiert: Nicht was du lernst ist wichtig, wichtig ist die Prüfung, die in ein oder zwei Jahren stattfinden soll. Damit wird die Zukunft wichtig - wichtiger als die Gegenwart. Die Gegenwart wird der Zukunft geopfert, und so wird dann dein ganzer Lebensstil: Du opferst ständig den jetzigen Augenblick für etwas, das gar nicht da ist. Und so breitet sich eine große Leere im Leben aus. 
 
Die Kommune meiner Vision wird eine fünf-dimensionale Erziehung haben. Bevor ich auf diese fünf Dimensionen eingehe, seien ein paar Dinge vorausgeschickt. Erstens: Prüfungen dürfen kein Bestandteil der Erziehung sein. Stattdessen wird es eine tägliche, stündliche Beurteilung durch die Lehrer geben. Ihre Bemerkungen über das ganze Jahr hinweg entscheiden, ob du weitergehst oder ob du noch etwas länger in der gleichen Klasse bleibst. Niemand "bleibt sitzen", niemand wird "versetzt"
 
- die einen sind bloß etwas flinker, und die anderen ein bisschen träge. Denn der Gedanke, sitzen geblieben zu sein, hinterlässt eine tiefe Wunde von Minderwertigkeit, und Überfliegertum führt gleichfalls zu einer Krankheit anderer Art, nämlich zu Überheblichkeit. 
 
Niemand ist unterlegen, niemand ist überlegen. 
 
Jeder ist einfach er selbst - unvergleichlich. 
 
Darum wird es keinen Platz für Prüfungen geben. Somit verlagert sich die ganze Perspektive von der Vergangenheit auf die Zukunft. Entscheidend ist, was du jetzt im Moment machst - nicht fünf Fragen am Ende von zwei Jahren. Von den tausend Dingen, die du in diesen zwei Jahren durchnehmen wirst, entscheidet jedes mit. Die Erziehung wird also nicht zielorientiert sein. 
 
Der Lehrer hat früher eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt. Denn er wusste: er hatte alle Prüfungen bestanden, er hatte sich viel Wissen angeeignet. Aber die Situation hat sich geändert. Und das ist eines der Probleme - dass Situationen sich ändern, unsere Antworten aber die alten bleiben. Heute ist die Wissensexplosion so unübersehbar geworden, so ungeheuer, so rasant, dass man über ein wissenschaftliches Thema überhaupt kein Buch mehr schreiben kann: denn kaum hat man sein Buch fertig, ist es schon überholt. Neue Fakten, neue Entdeckungen haben es irrelevant gemacht. Heute ist die Wissenschaft daher auf Artikel angewiesen, nicht auf Bücher - auf Zeitschriften, nicht auf Bücher. 
 
Der Lehrer wurde vor dreißig Jahren ausgebildet. In dreißig Jahren hat sich alles geändert, aber er plappert heute noch nach, was man ihm beigebracht hat. Er ist hinter dem Mond, und er lässt seine Studenten hinter dem Mond. Anstelle von Lehrern wird es Berater geben, und diesen Unterschied muss man verstehen. Der Berater wird dir sagen, wo du in der Bibliothek die neuesten Informationen zu deinem Thema findest. In Zukunft wird der Computer eine ungeheure, revolutionäre Rolle spielen. Zum Beispiel ist die Art, wie Schüler ausgebildet werden, absolut altmodisch. Man stützt sich noch immer auf das Gedächtnis. Und je beladener das Gedächtnis, desto geringer die Möglichkeit für Klarheit und Intelligenz. Ich sehe es als eine große Chance an, dass Schüler und Studenten davon befreit werden, sich alle möglichen Informationen merken zu müssen. Sie können kleine Computer bei sich tragen, in denen all die Informationen, die sie jederzeit brauchen, gespeichert sind. Das wird ihrem Kopf helfen, meditativer, klarer, unschuldiger zu sein. Im Augenblick ist ihr Kopf zu voll gestopft mit unnötigem Ballast. In Zukunft wird alle Ausbildung zentralisiert über Computer und Fernsehen laufen, denn was sich graphisch darstellen lässt, ist leichter zu behalten, als wenn es gelesen oder gehört wird. Augen sind weitaus stärkere Instrumente als Ohren oder alles andere. Und damit hört auch die Langeweile des Lesens und Zuhörens auf. Im Gegenteil, das Fernsehen wird zu einer fröhlichen Sache. Geographie z.B. kann unterrichtet sehr farbenfroh werden. . . 
 
Der Lehrer sollte nur ein Berater sein, der dir den richtigen Kanal zeigt, der dir zeigt, wie man den Computer benutzt, wie man das neueste Buch findet. Seine Funktion wird eine völlig andere sein. Er ist nicht mehr Wissensvermittler , sondern macht dich auf den gegenwärtigen Wissensstand, auf die neuesten Forschungsergebnisse aufmerksam. Er ist nur ein Lotse. 
 
Diese Überlegungen vorausgeschickt, teile ich das Bildungssystem in fünf Dimensionen ein. Die erste ist informativ - wie Geschichte, Erdkunde und viele andere Fächer, die durch Fernsehen und Computer gemeinsam behandelt werden können. Aber was Geschichte betrifft - hier müssen wir einen absolut radikalen Standpunkt einnehmen. Im Augenblick besteht Geschichte aus Leuten wie Dschingis Khan, Napoleon, Mussolini, Adolf Hitler usw. Diese Leute sind aber nicht unsere Geschichte, diese Leute sind unsere Alpträume. Schon der bloße Gedanke, dass Menschen so grausam zu anderen Menschen sein können, ist abscheulich. Unsere Kinder sollten nicht mit solchen Vorstellungen gefüttert werden. 
 
In Zukunft sollte Geschichte nur aus jenen großen Genies bestehen, die etwas zur Schönheit dieses Planeten beigetragen haben, etwas für die Menschheit geleistet haben - ein Gautam Buddha, ein Sokrates, ein Laotse; große Mystiker wie Jalaluddin Rumi, J.Krishnamurti; große Dichter wie Walt Whitman, Omar Khayyam; große literarische Gestalten wie Leo Tolstoi, Maxim Gorki, Fjodor Dostojewski, Rabindranath Tagore, Basho. 
 
Wir sollten die positive Größe unseres Erbes vermitteln, und all die Leute, die bisher als historische Größen gegolten haben - Männer wie Adolf Hitler - mit bloßen Fußnoten bedenken. Sie dürfen nur in den Fußnoten erwähnt werden, oder im Anhang, mit einem klaren Hinweis, dass sie entweder wahnsinnig waren oder unter irgendeinem Minderwertigkeitskomplex oder anderen psychiatrischen Störungen litten. Wir müssen die zukünftigen Generationen klipp und klar darüber aufklären, dass die Vergangenheit eine düstere Seite hatte, und dass diese die ganze Vergangenheit beherrscht hat. Aber jetzt ist kein Platz mehr für diese Seite. 
 
Zur ersten Dimension gehören auch die Sprachen. Jeder Mensch auf der Welt sollte mindestens zwei Sprachen kennen; die eine ist seine Muttersprache, und die andere ist Englisch als internationales Verständigungsmittel. Beide können gleichfalls genauer durch das Fernsehen unterrichtet werden - der Akzent, die Grammatik, alles kann exakter vermittelt werden als durch Menschen. 
 
Wir können eine Atmosphäre der Brüderlichkeit auf der Welt herstellen: Sprache verbindet Menschen, aber Sprache trennt auch. Es gibt im Augenblick keine internationale Sprache. Schuld daran sind unsere Vorurteile. Englisch bietet sich geradezu an, denn keine Sprache wird von mehr Menschen in aller Welt gesprochen - im weitesten Sinne. 
 
Die zweite Dimension ist die Erforschung naturwissenschaftlicher Fragen, was ungeheuer wichtig ist, weil das die eine Hälfte der Wirklichkeit ist - die äußere Wirklichkeit. Sie kann ebenfalls durch Fernsehen und Computer vermittelt werden, ist aber komplizierter, und ein menschlicher Berater ist hier nötiger. 
 
Und die dritte Dimension wird das sein, was in der gegenwärtigen Erziehung ganz fehlt: die Kunst zu leben. Die Leute gehen immer davon aus, dass sie wissen, was Liebe ist. Sie wissen es nicht; und wenn sie es wissen, ist es zu spät. Jedem Kind sollte gezeigt werden, wie es seine Wut, seinen Hass, seine Eifersucht in Liebe verwandeln kann. Ein wichtiger Aspekt der dritten Dimension sollte auch der Humor sein. Unsere so genannte Erziehung macht die Menschen traurig und ernst. Und wenn man ein Drittel seines Lebens damit vertut, in einer Universität zu versauern, wird die saure Miene zur Gewohnheit. Du vergisst die Sprache des Lachens - und ein Mensch, der die Sprache des Lachens vergessen hat, hat viel vom Leben vergessen. 
 
Liebe und Lachen also - und eine Vertrautheit mit dem Leben und seinen Wundem, seinen Mysterien... diese Vögel in den Bäumen hier, sie sollten nicht ungehört singen! Die Bäume und die Blumen und die Sterne sollten eine Verbindung zu deinem Herzen haben. Dann hören Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf, etwas "irgendwo da draußen" zu sein, sondern sind etwas Innerliches geworden. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Leben sollte der Grundstein der dritten Dimension sein. Die Menschen sind so ehrfurchtslos dem Leben gegenüber! 
 
Die vierte Dimension sollte die der Kunst und Kreativität sein: Malerei, Musik, Handwerk, Töpfern, Steinmetzarbeit. .. alles, was kreativ ist. Alle schöpferischen Bereiche sollten einbezogen werden. Die Schüler können selber aussuchen. Nur ganz wenige Dinge sollten Pflicht sein: zum Beispiel sollte eine internationale Sprache Pflicht sein, sollte eine gewisse Fähigkeit Pflicht sein, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, sollte auch irgendeine schöpferische Fertigkeit Pflicht sein. Der ganze Regenbogen schöpferischer Tätigkeiten steht dir zur Auswahl, denn solange der Mensch nicht lernt, schöpferisch zu sein, wird er niemals Teil der Schöpfung sein - die unentwegt schöpferisch ist. Indem man schöpferisch ist, wird man göttlich. Schöpfertum ist das einzige Gebet. 
 
Und die fünfte Dimension sollte die Kunst des Sterbens sein. Zu dieser fünften Dimension werden alle Meditationen gehören, damit du die Erfahrung machen kannst, dass es keinen Tod gibt, damit dir bewusst werden kann, dass es in dir ein ewiges Leben gibt. Das sollte eine absolut wesentliche Rolle spielen. Denn jeder Mensch muss sterben, kein Mensch kann es umgehen. Und unter dem großen "Dach" der Meditation kannst du dann mit Zen, mit Tao, mit Yoga, mit Chassidismus, mit all den Möglichkeiten Bekanntschaft machen, die es schon lange gibt, die aber in unserer Erziehung nicht berücksichtigt worden sind. 
 
Die neue Kommune wird eine runde Erziehung, eine ganzheitliche Erziehung haben. Ich war selbst Professor, und als ich der Universität meinen Abschied einreichte, teilte ich nur kurz mit: "Das hier ist nicht Erziehung, sondern schiere Dummheit - Wesentliches wird hier nicht gelehrt." 
 
Aber diese unwesentliche Erziehung beherrscht die ganze Welt, egal ob in der Sowjetunion oder in Amerika. Niemand hat sich um eine vollere, ganzheitlichere Bildung bemüht. In diesem Sinne ist fast jeder ungebildet. Selbst Leute mit imponierenden Titeln sind im umfassenderen Sinne ungebildet. Die einen sind mehr ungebildet, die anderen weniger ungebildet, aber ungebildet sind alle, denn Bildung als Ganzes existiert nirgendwo.