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Osho Religionen - ihr grundlegender Fehler

Religionen - ihr grundlegender Fehler

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Osho,
bist du gegen alle Religionen? Was ist ihr grundlegendster Fehler?
 
Ja, ich bin gegen alle so genannten Religionen, denn sie sind überhaupt keine Religionen. Ich bin für Religiosität, aber nicht für Religionen.
Wahre Religion kann nur eins sein, wie die Wissenschaft - es gibt keine mohammedanische Physik. hinduistische Physik. christliche Physik! Das wäre blanker Unsinn. Aber genau das haben die organisierten Religionen geschafft - sie haben aus der Welt ein Irrenhaus gemacht. 
Wenn die Wissenschaft eins ist, warum sollte die Wissenschaft des Inneren nicht auch eins sein? Die Wissenschaft erforscht die objektive Welt, und die Religion erforscht die subjektive Welt. Ihre Arbeitsweise ist die gleiche, nur in Richtung und Dimension unterscheiden sie sich. In einem aufgeklärten, erleuchteten Zeitalter wird es keine Religionen mehr geben, nur diese beiden Wissenschaften - die objektive und die subjektive Wissenschaft. Die objektive Wissenschaft befasst sich mit den Dingen, die subjektive Wissenschaft mit dem Sein. 
Ich bin gegen die Religionen, aber nicht gegen die Religiosität. Die wahre Religion liegt noch in den Geburtswehen. Die alten Religionen werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um diese neue Religiosität zu vernichten, sie zu zerstören. Die Geburt einer Wissenschaft des Bewusstseins wird der Tod aller so genannten Religionen sein, die jahrtausendelang die Menschheit ausgebeutet haben. Was wird dann aus ihren Kirchen, Synagogen, Tempeln? Was wird aus ihrer Priesterschaft, ihren Päpsten, Imams, Shankaracharyas, Rabbinern? Es geht um ein großes Geschäft. Diese Leute werden die Geburt der wahren Religion nicht so einfach zulassen. 
In der Geschichte der Menschheit ist nun aber die Zeit gekommen, da die Herrschaft der alten Religionen schwindet. Immer mehr Menschen zollen dem Christentum, dem Judaismus, dem Hinduismus, dem Islam nur noch formalen Respekt. Im Grunde ist aber keiner, der auch nur ein bisschen Intelligenz besitzt, an all diesem Unsinn noch interessiert. Mag sein, dass die Leute noch in die Synagoge, in die Kirche, in die Moschee gehen, aber aus anderen Gründen - nicht aus religiösen, sondern aus gesellschaftlichen Gründen. Es lohnt sich, in der Synagoge gesehen zu werden. Es dient dem Ansehen und tut einem keinen Abbruch. Es ist, als träte man dem Rotary Club oder dem Lions Club bei. Diese Religionen sind alte Clubs, die sich eines religiösen Jargons bedienen, aber wenn ihr genauer hinschaut, könnt ihr sehen, dass das alles nur Hokuspokus ist, ohne innere Substanz. 
Ich bin für die Religiosität, aber diese Religiosität wird kein Aufguss irgendeiner Religion sein, die ihr kennt. Diese Religiosität wird eine Rebellion gegen sämtliche alten Religionen sein. Sie wird das Werk der alten Religionen nicht fortsetzen. Sie wird deren Werk komplett einstellen und ein völlig neues Werk in Angriff nehmen die wahre Transformation des Menschen. 
Der grundlegendste Irrtum aller alten Religionen bestand darin, dass keine den Mut hatte, zuzugeben, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. 
Sie taten alle so, als wüssten sie alles, als wären sie allwissend. Warum geschah das? Würden die Religionen zugeben, dass sie etwas nicht wissen, so würden sich im Denken ihrer Anhänger Zweifel einnisten. Wenn sie bezüglich dieser Sache unwissend sind - wer weiß? Vielleicht haben sie auch von anderen Dingen keine Ahnung. Welche Garantie gibt es denn? Um ganz sicherzugehen, erklärten sich alle Religionen für allwissend. 
 
Das Schönste an der Wissenschaft ist, dass sie nicht vorgibt, allwissend zu sein.
 
 
Die Wissenschaft akzeptiert ihre menschliche Begrenztheit. Sie ist sich bewusst, wie viel sie weiß, aber sie ist sich auch bewusst, dass es noch viel mehr zu wissen gibt. Und die größten Wissenschaftler wissen von etwas, das noch tiefer ist. Sie wissen von den Grenzen des Wissens. Früher oder später werden sie alles Wissbare wissen - sie sind auf dem Weg dorthin. Aber die größten Wissenschaftler - Leute wie Albert Einstein - sind sich einer dritten Kategorie bewusst: des Unwissbaren. Es ist das, worüber wir nie etwas wissen können. Daran lässt sich nicht rütteln - das tiefste Mysterium lässt sich niemals auf Wissen reduzieren.
Da wir ein Teil der Schöpfung sind, können wir ihr tiefstes Mysterium nicht kennen. Wir sind Spätankömmlinge, und am Anfang gab es keine Augenzeugen. Wir haben keine Möglichkeit, uns von der Schöpfung loszulösen, um reine Beobachter zu sein. Wir leben, atmen und existieren innerhalb dieser Schöpfung; wir können uns nicht von ihr abtrennen. Sobald wir abgetrennt sind, sind wir tot. Ohne von der Schöpfung getrennt zu sein, können wir keine unbeteiligten, unidentifizierten Beobachter sein, und daher können wir ihr tiefstes Mysterium nicht kennen - das ist unmöglich. Es wird immer etwas Unwissbares übrig bleiben. Ja, es kann gefühlt, aber nicht gewusst werden. Möglicherweise kann es auf andere Weise erfahren werden, aber das ist etwas anderes als Wissen. 
Du verliebst dich. Kannst du nun sagen, dass du weißt, was Liebe ist? Mit der Liebe scheint es sich völlig anders zu verhalten. Du kannst sie fühlen. Wenn du aber versuchst, mit Wissen an sie heranzugehen, entzieht sie sich deinem Zugriff. Du kannst sie nicht zu Wissen reduzieren. Du kannst aus der Liebe kein Wissensobjekt machen, weil sie kein intellektuelles Phänomen ist. Sie hat etwas mit deinem Herzen zu tun. Gewiss, dein Herzschlag weiß von ihr, aber das ist eine völlig andere Art von Wissen. Der Intellekt ist unfähig, den Herzschlag der Liebe zu verstehen. 
 
In dir gibt es aber etwas, das mehr ist als dein Herz - dein Sein, deine Lebensquelle. So, wie du etwas mit dem Verstand, dem oberflächlichsten Teil deiner Individualität, wissen kannst, genauso kannst du etwas mit dem Herzen wissen, das viel tiefer reicht als der Verstand. Dem Verstand ist es nicht zugänglich; diese Tiefe kann der Verstand nicht fassen. Aber noch tiefer, hinter dem Herzen, befindet sich das Sein, die eigentliche Quelle deines Lebens. Und auch diese Lebensquelle »weiß« auf ihre Art. 
 
Wenn der Verstand weiß, nennen wir es Wissen. 
Wenn das Herz weiß, nennen wir es Liebe. 
Und wenn das Sein weiß, nennen wir es Meditation.
 
 
Aber jedes der drei hat seine eigene Sprache, die sich untereinander nicht übersetzen lässt. Und je tiefer es geht, umso schwieriger ist es zu übersetzen, denn im innersten Zentrum deines Seins ist nichts als Stille. Wie willst du Stille in Klang übersetzen? Sobald du Stille in Klang übersetzt, hast du sie zerstört. Nicht einmal Musik kann die Stille übersetzen, obwohl sie ihr vielleicht am nächsten kommt, aber sie ist immer noch Klang. 
Poesie kommt dem nicht ganz so nahe wie Musik, weil selbst die schönsten Worte immer noch Worte sind. Sie enthalten kein Leben, sie sind tot. Wie kannst du Leben in etwas Totes übersetzen? Zwischen den Worten magst du hier und da vielleicht einen Geschmack davon bekommen - aber es ist zwischen den Worten, zwischen den Zeilen, nicht in den Worten, in den Zeilen. 
 
Das ist der grundlegendste Irrtum aller Religionen: Sie haben die Menschheit mit ihrem protzigen Auftreten, als wären sie allwissend, getäuscht. 
Aber tagtäglich wurden und werden sie aufgedeckt; ihr Mangel an Wissen ist offensichtlich geworden. Deshalb haben die Religionen jeden Fortschritt des Wissens bekämpft. Als Galilei feststellte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt, wurde der Papst wütend. Der Papst ist unfehlbar; er ist zwar nur ein Stellvertreter von Jesus, aber er gilt als unfehlbar. Was soll man erst von Jesus sagen, dem eingeborenen Sohn Gottes? Was soll man von Gott sagen? Es steht aber in der Bibel - dem Buch, das vom Himmel kam und von Gott stammt ... In der Bibel steht geschrieben, dass sich die Sonne um die Erde bewegt. Galilei schafft ein Problem. Wenn Galilei Recht hat, muss Gott Unrecht haben, muss Gottes eingeborener Sohn Unrecht haben. Dann hätten all die Stellvertreter des eingeborenen Gottessohnes, all die unfehlbaren Päpste von zweitausend Jahren - sie alle hätten Unrecht! Ein einziger Mensch, Galilei, macht den ganzen Schwindel zunichte; er deckt die ganze Heuchelei auf. Er muss zum Schweigen gebracht werden! Er war alt und lag im Sterben - schon auf seinem Sterbebett - da wurde er an den Hof des Papstes geschleppt und gezwungen, Abbitte zu leisten. Der Papst verlangte von ihm: „Ändere diese Stelle in deinem Buch! Die Heilige Schrift kann nicht Unrecht haben. Du bist nur ein Mensch, du kannst Unrecht haben, aber Jesus Christus kann nicht Unrecht haben, Gott kann nicht Unrecht haben, Hunderte von unfehlbaren Päpsten können nicht Unrecht haben! Du stellst dich gegen Gott, gegen seinen Sohn, gegen seine Stellvertreter. Du musst das ändern!“ 
Galilei muss einen ungeheuren Sinn für Humor gehabt haben - was ich zu den größten Qualitäten eines religiösen Menschen rechne. Nur Dummköpfe sind ernsthaft; sie können nicht anders, als ernsthaft zu sein. Um lachen zu können, muss man ein bisschen Intelligenz besitzen. 
Galilei muss sehr intelligent gewesen sein. Er war einer der größten Wissenschaftler der Welt, aber man muss ihn auch als einen der religiösesten Menschen bezeichnen. Er sagte: „Selbstverständlich kann Gott nicht Unrecht haben, kann Jesus nicht Unrecht haben, können sämtliche unfehlbaren Päpste nicht Unrecht haben - aber der arme Galilei kann immer Unrecht haben! Das ist überhaupt kein Problem, ich kann es in meinem Buch ändern. Aber eines musst du wissen: Die Erde wird sich weiter um die Sonne bewegen. Daran kann ich nichts ändern. Sie gehorcht nicht meinen Befehlen. Was mein Buch angeht, werde ich es ändern. Aber in einer Fußnote werde ich schreiben müssen: Die Erde gehorcht nicht meinen Befehlen, sie bewegt sich dennoch um die Sonne.“ 
 
Die Religion war gegen jeden Schritt, den die Wissenschaft gemacht hat.
 
 
Alle Weltreligionen sind gezwungen, so zu tun, als wüssten sie alles über alles, was existiert. Und als wüssten sie ganz genau, wie alles wirklich ist - jeder Irrtum ist ausgeschlossen! 
Die Jainas behaupten, ihr Prophet, ihr Messias, sei allwissend. Er weiß alles - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - und alles, was er sagt, ist die absolute Wahrheit. Buddha hat sich über Mahavira, den Messias der Jainas, lustig gemacht. Vor fünfundzwanzig Jahrhunderten waren sie Zeitgenossen. Mahavira wurde schon alt, aber Buddha war jung und er konnte noch Witze machen und lachen. Er war noch jung und lebendig. Er war noch nicht etabliert. Wenn man erst einmal zu einer etablierten Religion geworden ist, hat man viel zu verlieren. Der Buddhismus fing mit Buddha gerade erst an. Er konnte es sich leisten, Witze zu machen und zu lachen. So machte er sich lustig über Mahavira und seine Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit. Er sagte: „Ich habe gesehen, dass Mahavira bettelnd vor einem Haus stand“ - denn Mahavira lebte nackt und bettelte um sein Essen. Buddha sagte: „Ich habe gesehen, wie er einmal vor einem leeren Haus stand. In dem Haus war gar keiner! Doch die Jainas sagen, dieser Mann kennt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft.“ 
Buddha sagte: „Ich sah, wie Mahavira direkt vor mir ging, und er trat einem Hund auf den Schwanz. Es war früh am Morgen und noch nicht ganz hell. Erst als der Hund hochsprang und bellte, erkannte Mahavira, dass er dem Hund auf den Schwanz getreten hatte. Dieser Mann soll allwissend sein, aber er weiß nicht, dass ihm ein schlafender Hund im Weg liegt und er ihm gleich auf den Schwanz treten wird?“ 
 
Genau das Gleiche geschah aber auch mit Buddha, als er etabliert war.
 
 
Dreihundert Jahre nach seinem Tode, als seine Sprüche und Aussagen gesammelt und zum ersten Mal veröffentlicht worden waren, machten es seine Schüler absolut klar: „Alles, was hier geschrieben steht, ist absolut wahr und wird immer wahr sein.“ 
 
Der grundlegende Fehler, den alle Religionen begangen haben, ist der, dass sie nicht den Mut hatten, sich einzugestehen, dass ihr Wissen begrenzt ist. Sie waren nicht in der Lage, an irgendeiner Stelle zu sagen: „Wir wissen es nicht.“ Sie sind so arrogant, dass sie nach wie vor behaupten, sie wüssten alles, und sie erfinden nach wie vor fiktives Wissen. 
In diesem Punkt wird die wahre Religiosität völlig anders sein. Hierin wird sie sich grundlegend unterscheiden. 
Gewiss, hier und da gab es bereits einzelne Menschen, die diese Qualität wahrer Religion verkörperten, zum Beispiel Bodhidharma: Er war einer der liebenswertesten Menschen, und er kam vor vierzehnhundert Jahren nach China. Er blieb neun Jahre in China und eine Gefolgschaft sammelte sich um ihn. Aber er war keiner, der die Stupidität der so genannten Religionen mitgemacht hätte. Formal war er ein buddhistischer Mönch, denn China war bereits zum Buddhismus bekehrt worden. Tausende von buddhistischen Mönchen waren schon vor Bodhidharma nach China gekommen. Als diese hörten, dass Bodhidharma kommen würde, freuten sie sich sehr, denn er hatte fast den gleichen Status wie Buddha. Sein Name war ihm schon lange vorausgegangen. Der Herrscher von China, der große Kaiser Wu, kam höchstpersönlich, um Bodhidharma an der Grenze zwischen China und Indien zu empfangen. 
Wu war es gewesen, der die Bekehrung des ganzen Landes zum Buddhismus veranlasst hatte, von Konfuzius zu Gautama Buddha. Er hatte alle seine Kräfte, alle seine Schätze in die Hände buddhistischer Mönche gelegt, und er war ein großer Kaiser. Als er Bodhidharma traf, sagte er: „Ich habe darauf gewartet, dich zu sehen. Ich bin alt, und es ist ein großes Glück für mich, dass du gekommen bist. In all diesen Jahren habe ich gewartet. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen.“ 
Die erste Frage, die er stellte, war: „Ich habe alle meine Schätze, meine Armee, meine Bürokratie, alles, was ich besitze, dafür eingesetzt, um dieses riesige Land zum Buddhismus zu bekehren, und ich habe Tausende von Tempeln für Buddha errichtet.“ Er hatte einen Tempel erbauen lassen, in dem es zehntausend Statuen von Buddha gab. Ein ganzer Berg wurde behauen, um diesen Tempel zu erschaffen. Er fragte: „Was wird mein Lohn sein in der anderen Welt?“ 
So hatten es ihm die Mönche erzählt: „Du hast Gautama Buddha einen solchen Dienst erwiesen, und wenn du ins Jenseits gelangst, wird er selber da sein, um dich zu empfangen. Du hast dir solche Verdienste erworben, dass dich eine Ewigkeit von Freuden erwartet.“ 
Bodhidharma sagte: „Alles, was du getan hast, ist absolut bedeutungslos. Deine Reise hat noch nicht einmal angefangen; du hast noch nicht einmal den ersten Schritt getan. Du wirst in die siebente Hölle fallen - darauf kannst du dich verlassen.“ 
Kaiser Wu konnte es nicht fassen: „Ich habe so viel getan, und du sagst mir, ich werde in die siebente Hölle fallen?“ 
Bodhidharma lachte und sagte: „Alles, was du getan hast, hast du aus Habgier getan. Aber nichts, was aus Habgier getan wird, kann dich religiös machen. Du hast auf so viele Reichtümer verzichtet, aber du hast nicht bedingungslos darauf verzichtet. Du machst einen Kuhhandel daraus; es ist ein Geschäft. Du kaufst dich in die andere Welt ein. Du hast nur dein Bankkonto vom Diesseits ins Jenseits verlagert. Du bist berechnend, denn diese Welt ist vergänglich, du kannst schon morgen sterben - und diese Mönche haben dir gesagt, dass die andere Welt ewig ist. Was tust du also wirklich? Du gibst die vergänglichen Schätze auf, um die ewigen Schätze zu erlangen - das ist wirklich ein guter Tausch! Aber wen willst du damit täuschen?“ 
Als Bodhidharma mit Wu auf diese Weise sprach, vor all den Mönchen und Generälen und Unterkönigen, die mit Wu und seinem ganzen Hofstaat gekommen waren, wurde Wu sehr wütend. So hatte noch nie jemand mit ihm gesprochen! Er sagte zu Bodhidharma: „Ist das die Art, wie ein religiöser Mensch redet?“ 
Bodhidharma sagte: „Ja, nur auf diese Art kann ein religiöser Mensch reden. Alle anderen Arten sind die Art, wie Leute reden, die dich betrügen wollen. Diese Mönche hier haben dich betrogen - sie haben dir leere Versprechungen gegeben. Du weißt überhaupt nicht, was nach dem Tode geschieht, noch wissen sie es, aber sie haben so getan, als wüssten sie es.“ 
Wu fragte: „Wer bist du, dass du mit solcher Autorität sprichst?“ 
Und wisst ihr, was Bodhidharma sagte? Er sagte: „Ich weiß es nicht. Das ist etwas, das ich nicht weiß. Ich bin in mich gegangen, ich bin bis ins Zentrum meines Seins vorgedrungen und bin zurückgekommen, genauso unwissend wie zuvor. Ich weiß es nicht.“ - Nun, das nenne ich Mut. 
 
Keine Religion hatte den Mut, zu sagen: „Wir wissen nur so und so viel, aber vieles wissen wir nicht. Vielleicht werden wir es in Zukunft wissen. Aber abgesehen davon gibt es einen Bereich, der dem Wissen für immer unzugänglich bleiben wird.“ 
 
Hätten die Religionen diese Demut aufgebracht - die Welt würde heute völlig anders aussehen! Die Menschheit wäre nicht in einem solchen Chaos, und es hätte nicht so viel Leiden gegeben. Überall auf der Welt ist so viel Leiden. Was redet ihr von der Hölle? - Wir leben bereits in der Hölle! Kann es in der Hölle noch mehr Leiden geben? Und verantwortlich dafür sind eure so genannten religiösen Leute. Sie spielen immer noch das gleiche Spiel und betrügen euch nach Strich und Faden. Nachdem die Wissenschaft ihnen seit dreihundert Jahren unaufhörlich an Boden wegnimmt, ihnen unaufhörlich ihr so genanntes Wissen zunichte macht und ständig mit neuen Fakten und neuen Realitäten aufwartet - trotz allem bleibt der Papst unfehlbar, bleibt der Shankaracharya der Hindus unfehlbar. 
Wahre Religiosität wird die Demut haben, zuzugeben, dass nur einige wenige Dinge dem Wissen bekannt sind, viel mehr jedoch unbekannt ist, und dass etwas sich für immer dem Wissen entzieht. Dieses „Etwas“ ist das Ziel der gesamten spirituellen Suche. Man kann es nicht zu einem Objekt des Wissens machen, aber man kann es erfahren, man kann davon trinken, man kann einen Geschmack davon haben. Es existiert wirklich. 
Der Wissenschaftler bleibt getrennt von dem Objekt, das er untersucht. Er ist immer getrennt von dem Objekt. Darum ist Wissen möglich, weil der Wissende und das Gewusste verschieden sind. Der religiöse Mensch hingegen bewegt sich in seine Subjektivität, wo der Wissende und das Gewusste eins sind. Wenn der Wissende und das Gewusste eins sind, gibt es keine Möglichkeit, zu wissen. 
Ja, du kannst es tanzen, aber du kannst es nicht sagen. Es kann sich in der Art ausdrücken, wie du gehst, in deinen Augen, in der Art, wie du schaust. Es kann in deiner Berührung sein, in der Art, wie du berührst - aber es kann nicht in Worten ausgedrückt werden. Worte sind absolut unzureichend, wenn es um Religion geht. Und alle diese so genannten Religionen wimmeln nur so von Worten. Ich nenne das alles reines Geschwafel! Darin besteht ihr grundlegender Irrtum. 
 
Das bringt mich zum zweiten Punkt: Alle Religionen waren immer gegen den Zweifel. Tatsächlich hatten sie Angst vor dem Zweifel. Nur ein unfähiger Intellekt kann Angst haben vor dem Zweifel. Ansonsten stellt der Zweifel eine Herausforderung dar, eine Gelegenheit zur Erforschung. 
Alle haben den Zweifel abgetötet und dem Denken aller Menschen die Vorstellung aufgezwungen, dass man in die Hölle kommt und auf ewig leidet, wenn man zweifelt: „Zweifle nie!“ Gläubigkeit ist alles, nur Glaube, totaler Glaube. Nicht einmal teilweiser Glaube genügt, nur absoluter Glaube. Was verlangt ihr von den Menschen? 
Etwas absolut Unmenschliches. Wie kann ein intelligenter Mensch etwas absolut glauben? Und selbst wenn er versucht, absolut zu glauben, zeigt es nur, dass Zweifel da ist. Warum würde er ihn sonst bekämpfen? Welchen Zweifel versucht er mit absolutem Glauben zu bekämpfen? 
Der Zweifel ist vorhanden, und der Zweifel kann nicht durch Glauben beseitigt werden. Der Zweifel wird durch Erfahrung beseitigt. 
Sie sagen: „Glaube!“ Ich sage: „Erforsche!“ Sie sagen: „Zweifle nicht!“ Ich sage: „Zweifle bis zuletzt. Zweifle so lange, bis du angekommen bist und es selber weißt und fühlst und erfahren hast.“ Dann ist es unnötig, den Zweifel zu unterdrücken - er löst sich von selbst auf. Dann ist es unnötig, zu glauben. 
Glaubst du etwa an die Sonne, glaubst du an den Mond? - Weshalb glaubst du an Gott? An gewöhnliche Tatsachen brauchst du nicht zu glauben, weil sie einfach vorhanden sind. Eine Rose am Morgen ist einfach da, und am Abend ist sie verschwunden. Du weißt es, es ist jenseits allen Zweifels. Dieser „Glaube“ an die Rose ist ein einfacher Glaube, er kämpft nicht gegen den Zweifel. Damit du den Unterschied zwischen einfachem Glauben und kompliziertem Glauben nicht verwechselst, nehme ich dafür ein anderes Wort: „Vertrauen“. 
Du hast Vertrauen in die Rose. Sie blüht, verströmt ihren Duft, und dann ist sie verschwunden. Am Abend kannst du sie vielleicht nicht mehr finden. Ihre Blütenblätter sind abgefallen, der Wind hat sie weggetragen. Dennoch weißt du, dass es wieder Rosen geben wird, und es wird auch ihren Duft geben. Du brauchst es nicht zu glauben. Du weißt es einfach aus Erfahrung, weil auch gestern Rosen da waren und wieder verschwanden. Heute sind sie wiedergekommen - und morgen wird die Natur ihren Lauf nehmen. 
 
Wozu an Gott glauben? Du hattest weder gestern eine Erfahrung von Gott noch heute ... Und welche Gewissheit gibt es für morgen? Woher kannst du die Gewissheit für morgen nehmen? Das Gestern war leer, das Heute ist leer, und das Morgen ist nur eine leere Hoffnung. Ein Hoffen entgegen aller Hoffnung. Doch so haben es sämtliche Religionen gelehrt: Beseitige deinen Zweifel und glaube! 
Sobald du den Zweifel beseitigst, beseitigst du etwas unermesslich Wertvolles. Denn es ist der Zweifel, der dir hilft, zu forschen und zu finden. Wenn du den Zweifel beseitigst, schneidest du die Erforschung direkt an der Wurzel ab. Damit wird jedes Hinterfragen verhindert. Das ist der Grund, warum so selten, nur ab und zu, ein Mensch auf der Welt lebt, der die Aura der Ewigkeit ausstrahlt, der den Atem der Ewigkeit geatmet hat, den Pulsschlag der Ewigkeit entdeckt hat - es ist sehr selten. Und wer ist dafür verantwortlich? Alle eure Rabbis und Päpste und Shankaracharyas und Imams - sie sind dafür verantwortlich, denn sie haben jedes Hinterfragen an der Wurzel abgeschnitten. 
 
In Japan wird ein seltsamer Baum kultiviert. Es gibt dort drei- bis vierhundert jährige Bäume, die bloß fünfzehn Zentimeter groß sind. Vierhundert Jahre alt! Bei genauerem Hinsehen ist der Baum uralt - aber es ist ein Zwerg von einem Baum, nur fünfzehn Zentimeter groß! Man hält das für eine Kunst. Was tatsächlich passiert, ist, dass die Wurzeln ständig zurückgestutzt werden. Der Baum wächst in einem Tontopf ohne Boden, und von Zeit zu Zeit wird der Topf angehoben und die Wurzeln werden gestutzt. 
Wenn die Wurzeln gestutzt werden, kann der Baum nicht in die Höhe wachsen. Er wird zwar älter, aber er wird nie zu einem ausgewachsenen Baum. Er wird immer älter, aber man hat ihn kaputt gemacht. Es hätte ein riesiger Baum aus ihm werden können - denn meistens sind es Bo-Bäume. 
Japan ist ein buddhistisches Land, und unter einem Bo-Baum wurde Gautama Buddha erleuchtet. 
Der Bo-Baum heißt so, weil Gautama Siddhartha die Erleuchtung, bodhi, unter ihm erlangte und zu einem Buddha wurde. Der vollständige Name ist Bodhi-Baum, aber gewöhnlich heißt er Bo-Baum. Diese japanischen Bäume sind also meistens Bo-Bäume, aber unter diesen winzigen Bo-Bäumen kann kein Buddha sitzen! Wer weiß, wie viele Buddhas auf diese Weise verhindert wurden - nur weil man diese Bäume gestutzt hat! 
Dieser japanische Brauch zeigt etwas Bedeutsames: Genauso haben es die Religionen mit den Menschen gemacht - sie haben euch ständig die Wurzeln gestutzt. Darum werden die Menschen nie erwachsen, sie werden höchstens alt. 
Die erste Wurzel, die euch gestutzt wurde, ist der Zweifel. Damit hört jedes Hinterfragen auf. Und mit der zweiten Wurzel, die euch die Religionen stutzen, wendet ihr euch gegen eure eigene Natur, ihr verurteilt euer natürliches Wesen. Wenn aber eure Natur verurteilt wird, wie könnt ihr eurem natürlichen Wesen helfen, zu fließen und zu wachsen und seinen eigenen Lauf zu nehmen wie ein Fluss? Oh nein, sie gestatten euch nicht, wie ein Fluss zu sein, der sich im Zickzack dahinbewegt! Alle Religionen haben Eisenbahnzüge aus euch gemacht, die auf Schienen von einer Haltestelle zur nächsten fahren - meistens nur auf Rangiergeleisen, die nirgendwo hinführen, aber auf festen Geleisen. Und diese Geleise nennen sie Disziplin, Kontrolle, Selbstbeherrschung. 
Die Religionen haben solch unabsehbaren Schaden angerichtet! Ihr Sündentopf ist randvoll und überfließend - man sollte ihn in den Pazifik kippen; fünftausend Meter tief, so tief, dass keiner ihn je wieder finden und diesen ganzen idiotischen Prozess von neuem beginnen kann! Die kleine Zahl von intelligenten Menschen auf dieser Welt sollte alles über Bord werfen, was ihre Religionen ihnen ohne ihr Wissen angetan haben. Sie sollten sich völlig reinigen von dem ganzen Judentum, Hinduismus, Christentum, Jainismus, Buddhismus. Sie sollten sich dessen völlig entledigen. 
Einfach Mensch zu sein ist genug. 
Akzeptiere dich selbst. Respektiere dich selbst. Erlaube deiner Natur, ihrem natürlichen Lauf zu folgen. Erzwinge nichts, unterdrücke nichts. Zweifle - denn Zweifel ist keine Sünde, er ist das Zeichen deiner Intelligenz. Zweifle und hinterfrage alles - so lange, bis du gefunden hast. 
Eines kann ich sagen: Wer forscht und hinterfragt, der findet. Das ist absolut sicher; es war noch nie anders. Noch kein authentischer Sucher ist mit leeren Händen zurückgekommen. 
Der allergrößte Schaden, den die so genannten Religionen der Menschheit zugefügt haben, besteht darin, dass sie die Menschen daran gehindert haben, die wahre Religion zu finden. Sie behaupteten alle, die wahre Religion zu sein. 
Alle Religionen der Welt haben das menschliche Denken von Kindheit an zu dem Glauben konditioniert, dass ihre Religion die einzig wahre Religion sei - das heißt, die Religion, in die du hineingeboren wurdest. Ein Hindu glaubt, seine Religion sei die einzig wahre Religion auf der Welt; alle anderen Religionen sind unwahr. Das Gleiche gilt für die Juden, die Christen, die Buddhisten, die Mohammedaner. Sie stimmen alle in diesem einen Punkt überein: Es ist nicht nötig, nach der wahren Religion zu suchen, denn du kennst sie schon - es ist die Religion, in die du hineingeboren wurdest. 
Das nenne ich den allergrößten Schaden - denn ohne authentische Religiosität kannst du nur dahinvegetieren, aber nicht wirklich leben. Du bleibst ein oberflächliches Wesen; du erlangst keine Tiefe, keine Echtheit. Du weißt nichts über deine eigenen Tiefen. Du kennst dich selbst nur durch die anderen, durch das, was sie über dich sagen. Genauso wie du dein Gesicht durch den Spiegel kennst, kennst du dich selbst nur durch die Meinungen der anderen über dich. Du kennst dich selbst nicht unmittelbar. Und die Meinungen, auf die du dich stützt, stammen von Leuten, die in derselben Lage sind - sie kennen sich selber nicht. 
Diese Religionen haben eine Gesellschaft von Blinden hervorgebracht. Und sie wollen euch ständig weismachen, dass ihr keine Augen benötigt. Jesus hatte Augen - wozu benötigt ihr als Christen eigene Augen? Ihr braucht nur an Jesus zu glauben - er wird euch den Weg ins Paradies zeigen! Ihr braucht ihm nur zu folgen. Aber ihr dürft nicht denken, denn das Denken könnte euch in die Irre führen. Das Denken zeigt euch andere Wege als die, die sie für euch vorgesehen haben, denn das Denken wird euren Zweifel, euren Intellekt schärfen. Aber das ist viel zu gefährlich für die so genannten Religionen. Die so genannten Religionen wollen, dass ihr dumm, tot und unlebendig seid. Sie wollen euch ohne Intelligenz. Aber sie sind so schlau, dass sie gute Namen dafür erfinden; sie nennen es »Glaube«. Das ist aber nichts anderes als der Selbstmord eurer Intelligenz. 
Eine wahre Religion wird von dir keinen Glauben verlangen. Eine wahre Religion wird Erfahrung verlangen. Sie wird nicht von dir verlangen, dass du deinen Zweifel aufgibst. Sie wird dir helfen, deinen Zweifel zu schärfen, damit du so lange alles hinterfragen kannst, bis du am Ziel bist. Die wahre Religion wird dir helfen, deine Wahrheit zu finden. 
Und denke daran: Meine Wahrheit kann niemals deine Wahrheit sein, denn es ist nicht möglich, die Wahrheit von einem Menschen auf den anderen zu übertragen. 
Die Wahrheit Mohammeds ist die Wahrheit Mohammeds; sie kann nicht zu deiner Wahrheit werden, einfach dadurch, dass du Mohammedaner wirst. Für dich wird es nur ein Glaube bleiben. Und wer weiß denn, ob Mohammed wirklich die Wahrheit kannte? Wer weiß, vielleicht ist Jesus nur ein neurotischer Fanatiker. Eine ganze Menge Psychiater und Psychologen und Psychoanalytiker ist einer Meinung: Jesus ist ein Fall für die Psychiatrie. Sich selbst zum „einzigen von Gott gezeugten Sohn“ zu erklären und zu behaupten: „Ich bin der Messias, der gekommen ist, um die ganze Welt vom Leiden und von den Sünden zu erlösen“ - hältst du das für normal? 
Selbst wenn ein Gautama Buddha die Wahrheit kennt, kannst du unmöglich wissen, ob er sie wirklich kennt oder nicht. Du kannst nur erkennen, ob jemand die Wahrheit kennt, wenn du selbst sie auch kennst - dann hast du die Nase dafür. Ansonsten musst du einfach der öffentlichen Meinung glauben. Du glaubst an die Massenpsychologie, und das ist die unterste Stufe. 
Die Wahrheit kommt zur höchsten Intelligenz. Wenn dir aber von Anfang an nur beigebracht wird, zu glauben, dann bist du verkrüppelt, behindert. Wenn du von Anfang an darauf konditioniert wirst, einen Glauben zu praktizieren, hast du deine Seele verloren. Dann wirst du nur vegetieren, aber du wirst nicht leben. Und genau das tun Millionen von Menschen auf der ganzen Welt: sie vegetieren. 
Was kannst du dann für ein Leben haben? Du kennst dich ja nicht einmal selbst. Du weißt nicht, woher du kommst, du weißt nicht, wohin du gehst und was das alles für einen Sinn haben soll. Und wer hat dich daran gehindert, es zu wissen? Nicht der Teufel, sondern die Päpste, die Priester, die Rabbiner, die Shankaracharyas. Sie sind die wahren Teufel. Soweit ich sehen kann, dienen alle diese Synagogen, Tempel, Moscheen und Kirchen dem Teufel und nicht Gott, denn was sie vollbracht haben, ist nicht göttlich. 
Es ist der reinste Mord - ein Meuchelmord am gesamten menschlichen Denken. 
Keine Religion hatte den Mut zu sagen: „Es gibt Dinge, über die ihr Fragen stellen könnt, aber erwartet bitte keine Antwort. Das Leben ist ein Mysterium.“ 
 
Wir können es wahr machen, dass die Menschen besser leben können, länger leben können, komfortabler leben können - aber wir können nie wissen, was das Leben eigentlich ist. Diese Frage bleibt bis zuletzt offen. 
Mein ganzes Bestreben hier besteht darin, euch zu helfen, dass ihr wieder unwissend werdet. 
Die Religionen haben euch mit Wissen voll gestopft. Das ist der Schaden, den sie angerichtet haben. Sie überreichen euch ohne große Umstände den ganzen christlichen Katechismus, den man in einer Stunde auswendig lernen und wie ein Papagei nachplappern kann. Aber damit gelangt ihr nicht zur Erkenntnis der Wahrheit, zu der einen Wirklichkeit, die euch innen und außen umgibt. Der Katechismus kann euch das nicht geben. 
Dieses ganze angehäufte Wissen fallen zu lassen, ist eines der größten Probleme, denn Wissen gibt dem Ego viel Nahrung. Das Ego will alles Wissen in seiner Macht haben. Und wenn ich sage, dass du dein angehäuftes Wissen aufgeben und wieder wie ein Kind werden sollst, meine ich damit, dass du wieder bei dem Punkt anfangen musst, an dem der Rabbi oder der Priester dich von dir selbst abgebracht hat. Du musst wieder zu deinem Ausgangspunkt zurückkehren. 
Du musst wieder unschuldig werden - völlig unwissend und unbeleckt von allem Wissen, damit die Fragen erneut auftauchen können. Dann wird das Forschen wieder lebendig, und wenn das Forschen in dir lebendig wird, kannst du nicht mehr dahinvegetieren. Dann wird das Leben eine Forschungsreise, ein Abenteuer. 
 
Osho,
From Ignorance to Innocence, Chapter 11
 

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